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Donnerstag, 7. April 2016

Gott ist vor uns

Ich begegne immer wieder Menschen, gerade auch älteren Menschen, für die ist alles Neue bedrohlich und alles Alte bewahrenswert.
Sie jammern über das neumodische Zeugs, können sich nicht mit Handys oder Computer anfreunden, sie ärgern sich über die neue Mode, über die moderne Musik und das Privatfernsehen. Sie vertreten konservative Ansichten, identifizieren sich über starke Abgrenzung und stellen die Jugend unter Generalsverdacht. Für sie war früher alles besser. Und sie wünschen sich die alten Zeiten zurück.

Ich glaube so manch ein Christ hat eine ähnliche Vorstellung von Gott. Gott als der ewig Gestrige,
Der sich die paradiesischen Zeiten zurück wünscht, der die Menschen seit tausenden von Jahren zurück ruft in die Vergangenheit, der die Welt ständig an dem was früher war misst, für den es nur die Welt vor dem Sündenfall gibt und alles andere danach verdorben, sündig, und aufzuhalten ist.
Der Gott, der im Bremserhäuschen sitzt, und die Entwicklung dieser Welt aufhalten möchte, denn alles wird schlimmer, und früher war alles besser.
Dahinter steht ein pessimistisches Gottesbild, geprägt von einer pessimistischen Zukunftssicht, wo alles immer größerem Verderben entgegen geht. Für viele bewegen wir uns dem Abgrund entgegen und der einzige Schutz davor ist es, uns zurück, nach hinten zu wenden.
Ich bin davon überzeugt, dass Gott nicht hinter uns ist, und wir ihm ständig einen Schritt voraus sind, sondern dass Gott vor uns ist und wir die Aufgabe haben, mit ihm Schritt zu halten.

Die Menschheit ist in einem Entwicklungsprozess

Wir alle wissen, dass sich die Menschheit in eine Entwicklung befindet.
Und diese Entwicklung schreitet voran, es ist eine Höherentwicklung, eine Vorwärtsbewegung:
Einfach ausgedrückt: von primitiv zu zivilisiert
von kulturlos zu kultiviert
von ungebildet zu ausgebildet
von barbarisch zu humanistisch

Die Menschheit erlebt eine biologische Entwicklung:
Vom Steinzeitmenschen zum Homo Sapiens
Eine technologische Entwicklung:
Vom Steinkeil zum selbstfahrenden Auto
Eine kulturelle Entwicklung:
Vom Patriarchat zur Gleichberechtigung
Eine soziale Entwicklung:
Vom Überleben des Stärkeren zum Gesellschaftsvertrag
Eine künstlerische Entwicklung:
Von Höhlenmalereien zu Pixar
Eine politische Entwicklung:
Vom Stammesfürst zur parlamentarischen Demokratie
Und auch eine religiöse Entwicklung:
Vom Menschenopfer zur Nächstenliebe
Von der Inquisition zur Glaubensfreiheit

Bereits im Schöpfungsbericht entdecken wir die Aufforderung Gottes, diese Schöpfung in eine Entwicklung hinein zu führen:
Im ersten Schöpfungsbericht lesen wir:
Gen 1:28  Und Gott segnete sie: "Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die Erde und macht sie euch untertan! Herrscht über die Fische im Meer, über die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf der Erde leben!"
Herrschen und Untertan machen könnte man auch übersetzen mit »in den Griff bekommen« oder »zähmen«, »zügeln«.
Da ist eine Schöpfung, die noch ganz roh ist, wild, ungestüm, barbarisch, ursprünglich, primitiv und jetzt bekommt der Mensch den Auftrag, diese Schöpfung in den Griff zu bekommen, sie zu zähmen, sie in eine Entwicklung hinein zu führen, eine Aufwärtsentwicklung, eine Höherentwicklung. Eben von ungestüm zu zivilisiert, von wild zu friedfertig

Und im zweiten Schöpfungsbericht sagt Gott:
Gen 2:15  Jahwe, Gott, brachte also den Menschen in den Garten Eden, damit er diesen bearbeite und beschütze,
Einen Garten zu bearbeiten ist eben das Gegenteil von ihn verwildern lassen.
Wer seinen Garten bearbeitet, der sorgt für eine Weiterentwicklung seines Gartens.
Wo sonst das Unkraut alles überwuchert wird jetzt etwas kultiviert, zum Wachsen gebracht, zum Reifen gebracht.
Beide Schöpfungsberichte zeigen, dass wir im Dienst Gottes stehen und dass dieser Dienst in der Entwicklung, Kultivierung und Gestaltung der Schöpfung und damit der Zukunft liegt.
Und natürlich ist diese Entwicklung keine ganz gerade Aufwärtslinie. Da gibt es auch Ausrutscher, Rückschritte und Rückschläge.
Einer der ganz großen Rückschläge in der Vorwärtsentwicklung von dem die Bibel selbst berichtet war der Sündenfall. Ein weiterer Rückschlag war die Sintflut.
Ein biologischer Rückschlag ist heute ist z.B. das Ernährungsverhalten der westlichen Welt, immer mehr Zucker, immer mehr Fleisch und immer mehr Kalorien, bei immer weniger Bewegung. Menschen werden wieder kränker und brauchen mehr Medizin.
Ein religiöser Rückschlag sind fundamentalistische Strömungen wie der sogenannte IS.
Ein sozialer Rückschlag ist der wachsende Materialismus.
Ein politischer Rückschlag sind die Weltkriege.
Ein technologischer Rückschlag ist die Erfindung der Wasserstoffbombe oder die Akkuleistung das neue iPhone.
Ein kultureller Rückschlag ist das Tinguely Museum oder Beatrice Egli. :-)

Nichtsdestotrotz erleben wir insgesamt eine Vorwärtsbewegung, Verbesserung, einen Aufwärtstrend.
Die Reformation Luthers
Die Gründung von Gewerkschaften
Gewaltenteilung im Staat
Die Formulierung von Menschenrechten
Ein internationaler Gerichtshof
Die Abschaffung der Apartheid
Der Fall der Mauer
Das Ende des kalten Krieges
Die Entstehung einer Europäischen Union
Der medizinische Fortschritt
Die steigende Lebenserwartung
Das Bildungssystem
Unsere Sozialsysteme
Heutige Kommunikationsmöglichkeiten
Und in einigen Bereichen der Welt geht diese Entwicklung langsamer, in anderen schneller.
Wir leben heute auf einer völlig anderen Bewusstseinsstufe als vor 10000 Jahren.
Damals dachte man, Blitze seien Wutausbrüche der Götter, heute wissen wir es sind elektronische Entladungen.
Damals dachte man die Welt wäre eine Scheibe, heute wissen wir, dass sie rund ist.
Damals dachte man die Sonne dreht sich um die Erde, heute wissen wir: es ist genau andersherum.
Damals dachte man Behinderung sei eine Strafe der Götter, heute weiß man, dass sie biologische und genetische Ursachen hat.
Bewusstsein, Erkenntnis, Kultur und Menschheitsreife entwickeln sich von Anbeginn an.
Das Gestern der Menschheit ist die Entwicklungsgrundlage für ihr Morgen.

Die Schöpfung als Baby
Und natürlich weiß auch Gott um diesen Entwicklungsprozess.
Als er die Schöpfung ins Leben gerufen hat, war das wie eine Geburt. Wir können die Schöpfung mit einem Baby vergleichen. So wie ein Mensch vom ganz einfachen Baby zum hoch entwickelten Erwachsenen wird, so entwickelt sich Gottes Schöpfung.
Und jeder der Kinder hat weiß, dass sich mit dem Alter der Kinder auch die Zumutbarkeit verändert.
Bei jedem Kinofilm wird dessen Zumutbarkeit festgelegt. Für welches Alter ist der Inhalt dieses Filmes zumutbar?
Ab wann mute ich meinem Kleinkind feste Nahrung zu?
Ab wann mute ich mein Kind die Nachrichten im Fernsehen zu?
Ab wann konfrontieren wir unsere Kinder mit der Tatsache des Bösen?
Wann kommt der Wechsel vom Märchenhörspiel zu den Drei ???
Wann sprechen wir mit Kindern über Sexualität?
Ab wann muten wir Jugendlicher eine Gefängnisstraffe zu?

Und wenn man Dinge zu früh zumutet, kann ein Mensch daran Schaden nehmen.
Wir können einen Menschen nicht sofort mit der gesamten Realität konfrontieren.
Meiner Tochter einen Teil der Realität fernzuhalten heißt nicht sie anzulügen, sondern abzuwägen, was ich ihr bereits zumuten kann. Ihr aber überhaupt nichts zuzumuten verhindert, dass sie sich überhaupt entwickeln kann.
Und so mute ich ihr Stück für Stück mehr zu, was ihr Entwicklung ermöglicht. Und bei diesen Entwicklungsschritten erlebt sie auch Rückschläge. Ich mute ihr zu, nicht nur an meiner Hand zu laufen, sondern frei, aber dabei fällt sie auch auf die Nase und macht sich Weh. Ich mute ihr zu, mit eigenem Geld umzugehen, wodurch sie Verantwortung lernt, aber vielleicht auch einiges Geld verschwendet. Ich erlaube ihr, abends alleine auszugehen, wodurch sie Selbstständigkeit lernt, aber vielleicht auch mal betrunken nach Hause gebracht wird.

Und genauso verhält es sich zwischen der Menschheit und Gott. Die Menschheit beginnt an einem ganz primitiven Punkt. Und so wie Eltern ihrem Baby nun immer mehr zumuten und zutrauen, damit es sich weiter entwickeln kann, so mutet und traut Gott dieser Menschheit immer mehr zu, damit sie sich weiter entwickeln kann. In diesem Sinne ist Gott immer vor uns, uns immer viele Schritte voraus.
Gott ist nicht der, der uns ständig zurückhält, anbinden möchte und in der Vergangenheit festhalten will, sondern der, der Spuren legt, der uns Entdeckungen machen lässt, der uns Erkenntnis gewinnen lässt, damit wir vorankommen, uns weiter entwickeln, ihm auf die Spur kommen, ihm ähnlicher werden. Und Gott  muss sich ständig zurückhalten, uns nicht zu überfordern, nicht zu sehr voraus zu eilen, damit wir hinterher kommen und damit wir seine Spuren entdecken.

Die Bibel ist nun ein Buch, das den Entwicklungsstand der Menschheit zu ihrer jeweiligen Zeit abbildet, aufgreift und Spuren für die Zukunft legt. Zum Teil wirkt die Bibel sehr altmodisch, weil sie den jeweiligen Entwicklungszustand der Menschen festhält und auf ihren Seiten dokumentiert. Gleichzeitig vermittelt sie aber auch Perspektive für eine bessere Zukunft, macht mit ihren Geschichten neugierig und hinterlässt mit ihren Pointen Spuren für etwas Besseres.
Und seit tausenden von Jahren folgen Menschen diesen Spuren, erkennen den Gott der vor innen ist und lassen sich rufen zu einer inneren und äußeren Entwicklung, hin zu etwas Besserem und Göttlicheren und erleben dabei auch immer wieder Rückschläge.

Ich möchte euch ein paar Beispiele für solche Entwicklungen nach vorne geben:

Menschenwürde
Als der Schöpfungsbericht geschrieben wurde befand sich die Menschheit an einem Punkt, wo man so etwas wie Menschenrechte oder Menschenwürde noch nicht gekannt hat.
Dass der Mensch eine Würde hat und es diese Würde zu schützen und zu bewahren gilt, war den damaligen Kulturen fremd. Würde hatten wenn schon die Mächtigen, die Herrschenden, die Privilegierten. 
Und nun verfasst ein prophetischer Mensch, inspiriert vom Geist Gottes den biblischen Schöpfungsbericht. Und vieles in diesem Schöpfungsbericht dokumentiert die damalige Sichtweise der Menschen. In vielem primitiv und in vielem ähnlich anderen Schöpfungsberichten zur damaligen Zeit. Etwas anderes hätten die Menschen ja auch nicht verstanden.
Aber inmitten dieses Schöpfungsberichtes mutet Gott den Menschen einen Schritt vorwärts zu:
Gen.1,26 Da sprach Gott: »Wir wollen Menschen schaffen nach unserem Bild, die uns ähnlich sind. Sie sollen über die Fische im Meer, die Vögel am Himmel, über alles Vieh, die wilden Tiere und über alle Kriechtiere herrschen.« 27 So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie.

Plötzlich fließt hier ein völlig neuer Gedanke ein: die Menschen sind im Bilde Gottes erschaffen. Sie sind Ebenbild Gottes. Und plötzlich besitzt der Mensch eine Würde, eine Größe, eine Schönheit, die von Gott selbst gemacht ist. Und nicht nur die Mächtigen und die Könige, sondern der Mensch an sich, das heißt alle Menschen besitzen diese Würde.
Und nicht nur die Männer, sondern sogar die Frauen!
Dieser Text ist wie ein ganz starker Lichtstrahl, der ganz weit in das Dunkel der Zukunft leuchtet und an dem sich die Menschen bis heute orientieren und weiterentwickeln können.
Zeig mir so etwas einmal in einer anderen Religion!
Zeig mir so etwas einmal in einem anderen Text, der so alt ist wie der Schöpfungsbericht!
Solche Sätze stammen von einem Gott, der uns voraus ist, einem Gott der uns nicht klein und dumm und primitiv halten will, sondern der sich an unserer Entwicklung entlang seiner Spuren freut.

Gerechtigkeit

Ein Bibeltext, der mit vielen negativen Gefühlen verbunden ist und für viele Menschen gar nicht so christlich klingt, ist ein Vers aus 3.Mose, 24,19ff:
19 Wenn jemand seinem Mitmenschen Schaden zufügt und ihn verletzt, soll er dasselbe am eigenen Leib zu spüren bekommen. 20 Bei der Festlegung jeder Strafe sollt ihr euch nach dem Grundsatz richten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Knochenbruch um Knochenbruch. Was jemand einem anderen angetan hat, muss ihm selbst zugefügt werden.

Diese Verse bezeichnet man theologisch als das Jus Talionis, das sogenannte Vergeltungsrecht.
Aus heutiger Sicht scheint das ein ziemlich primitives Gebot zu sein.
Mahatma Gandhi sagte einmal: „Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein.“
Wer sich an dieses Gebot hält, ist scheinbar dauernd damit beschäftigt, sich an anderen zu rächen, es anderen heimzuzahlen und kommt zudem in Konflikt mit unserem Gesetz, das Selbstjustiz verbietet.
Aber lasst uns dieses Gebot einmal aus der Perspektive von damals betrachten.
Wir schauen also nicht zurück auf das Gebot, sondern versuchen uns in die damalige Zeit zu versetzen und mit dem Gebot in die Zukunft zu schauen:
Wir lesen in Gen 4:23  Und Lamech sprach …: Ich habe einen Mann erschlagen für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule; Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.
Da wird erschlagen und getötet für eine Wunde oder eine Beule. Ungezügelte Vergeltung. Der Stärkere hat das Recht den Schwächeren regelrecht ausrotten zu können, wenn ihm Unrecht widerfahren ist.
In diese Gewaltsituation hinein erlässt Gott nun ein Gebot, das aus der damaligen Perspektive ein ungeheurer Fortschritt in Richtung Gerechtigkeit und Frieden war!
Gott ordnet die verhältnismäßige Vergeltung an.
Hier wird eine Beule nicht mit dem Leben eines anderen bezahlt, sondern Unrecht wird eine angemessene Strafe zugeordnet. Für ein Auge nur noch ein Auge, für einen Zahn nur noch ein Zahn. In einer von Vergeltung geprägten antiken Gesellschaft legt dieses neue Gebot eine Spur zu einer besseren Gerechtigkeit. Und dieser Spur sind Menschen gefolgt, dieser Spur sind die Propheten gefolgt:
Der Prophet Micha spricht plötzlich davon, Schwerter zu Pflugscharen zu machen.
Und wieder einige Jahrhunderte später greift Jesus diese Spur auf, entwickelt sie weiter und sagt::
Mt.5, 38 »Ihr wisst, dass es heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. 39 Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin.
Jesus legt eine neue Grundlage für Frieden und Gerechtigkeit und die Menschheit kann sich wieder ein Stück näher zu Gott und seiner Gerechtigkeit entwickeln. Denn Gott ist vor uns und eben nicht der ewig Gestrige!

Wir könnten das jetzt noch an ganz vielen Beispielen erläutern, wie sich innerhalb der Bibel eine Entwicklung vollzieht. Und diese Entwicklung innerhalb der biblischen Offenbarung liegt nicht daran, dass die Autoren nicht genau wissen, was sie wollen oder dass diese Texte fehlerhaft oder nicht inspiriert wären, sondern daran, dass die Bibel einer Spur folgt, durch die sich unsere Vorstellungen weiter entwickeln und der eigentlichen Absicht Gottes näher kommen können.

So bildet die Bibel zum Beispiel zunächst einmal eine patriarchalische Gesellschaft ab, bei der die Frauen eindeutig untergeordnet und minderwertig sind.
Und gleichzeitig legt sie eine Spur im Schöpfungsbericht, dass eben auch die Frau im Ebenbild Gottes erschaffen ist.
Und diese Spur wird immer wieder aufgegriffen, mal in dieser Geschichte, mal in jenem Text.
Jesus greift diese Spur auf und macht Frauen zu seinen Jüngerinnen, was unerhört war.
Und Paulus kann schließlich formulieren das es in Christus keinen Unterschied mehr gibt zwischen Mann oder Frau.
Und wir folgen dieser Spur ebenfalls, indem wir uns heute für die Gleichberechtigung von Frauen in den verschiedensten Lebensbereichen einsetzen.
Gottes Absicht ist uns da immer noch voraus!

Oder die Bibel bildet in weiten Teilen eine Gesellschaft ab, in der Sklaverei vollkommen normal ist. Und doch legt sie mit der Befreiung der hebräischen Sklaven aus Ägypten und verschiedenen Gesetzen der Thora eine Spur, dass Sklaverei nicht der Absicht Gottes entspricht.
Und diese Spur wird immer wieder von Propheten aufgegriffen.
Jesus greift diese Spur in einigen seiner Gleichnisse auf.
Und am Ende kann das Neu Testament formulieren, vor allem im Philemonbrief, dass wir uns für die Befreiung von Sklaven einsetzen sollen.
Und bis heute folgen wir dieser Spur und setzen uns intensiv für die Abschaffung jeder Form von Sklaverei, Ausbeutung und Menschenhandel ein und steuern damit auf den Gott zu, der uns voraus ist.

Die Bibel dokumentiert in weiten Teilen die primitive Vorstellung, dass die Götter Kultstätten und von Menschen gemachte Wohnungen brauchen, um unter den Menschen gegenwärtig sein zu können.
Und so entstehen Götzenbilder oder Heiligtümer oder eine Stiftshütte und der Tempel.
Und gleichzeitig legt sie die Spur, dass unser Gott größer ist als alle Heiligtümer.
Und diese Spur wird aufgegriffen und es beginnt eine Entwicklung wo am Ende deutlich wird, dass Gott in den Herzen der Menschen wohnt und nicht in irgend einem Gebäude.

Die Bibel dokumentiert in weiten Teilen die antike Vorstellung, dass nur bestimmte Menschen mit Gott in Verbindung treten können, ihm nahe kommen dürfen oder Mittler zwischen Gott und den Menschen sein können.
Und so entsteht die Idee einer Priesterschaft, eines Klerus, einer bestimmten religiösen Kaste, der es vorbehalten ist sich Gott nahen zu können.
In der Bibel sind das dann Mose oder die Leviten oder die Priester.
Um gleichzeitig wird die Spur gelegt, dass Gott viel nahebarer ist als der antike Mensch es sich gedacht hat. Und diese Spur wird weiter verfolgt, Jesus spricht gerade unmündigen Kindern eine besondere Gottesnähe zu und räumt radikal auf mit den ganzen kultischen Vorstellungen von rein und unrein. Petrus folgt dieser Entwicklung und erkennt, dass Gott sogar die unreinen Heiden zu sich kommen lässt. Und es gipfelt darin, dass die Bibel formulieren kann, dass wir alle Könige und Priester sind! Und wir folgen dieser Spur und helfen Menschen bis heute, ihre Geistesgaben zu entdecken und es als Vorrecht zu sehen, Gott und seinem Reich dienen zu dürfen!

Gott möchte das wir uns weiterentwickeln und seinem eigentlichen Willen und seinen eigentlichen Absichten näher kommen.
In vielem bildet die Bibel den eigentlichen Willen Gottes ab. Aber in manchen dokumentiert sie auch den damaligen Entwicklungsstand der Menschen und legt eine Spur der es zu folgen gilt, um Gottes Absichten näher zu kommen. Und wer in Gott den ewig Gestrigen sieht und Gott vor uns übersieht, der steht in der großen Gefahr sich gerade von Gottes Absichten weg zu entwickeln.
Dem kann es passieren, dass er scheinbar biblisch für die Todesstrafe argumentiert.
Dem kann es passieren, dass er dafür plädiert, Frauen müssen in der Gemeinde schweigen.
Dem kann es passieren, in einer bestimmten sexuellen Orientierung grundlegend etwas sündiges zu sehen.
Dem kann es passieren, ungerechte Machtstrukturen zu stützen, oder Sklaverei zu rechtfertigen.
Den kann es kalt lassen, wenn Tiere gequält oder Natur ausgebeutet wird.

Ich folge diesem Jesus nach und lese sein Wort, weil ich dadurch sein Wesen kennenlerne.
Und ich folge seinen Spuren und möchte weiterführen, was Gott angefangen hat.
Ich kann Gott nur deswegen nachfolgen, weil er vor mir ist!

Freitag, 21. August 2015

Bibelverständnis und Beweglichkeit

Immer wieder fällt mir auf, dass unser Bibelverständnis ganz viel mit unsrer denkerischen Beweglichkeit zu tun hat. Je enger oder rigider das Bibelverständnis, desto unbeweglicher sind Menschen.
Ob in Diskussionen, Gesprächen, Bibelstunden oder beim Lesen. Wer ein enges Bibelverständnis hat, tut sich schwer, sich innerlich zu bewegen, sich auf neue Gedanken einzulassen, neues Denken zuzulassen.
Das Bibelverständnis wird zum inneren Über-Ich, zum Zuchtmeister, der mir ständig über die denkerische Schulter schaut und zum erbarmungslosen Zensor. Wir ärgern uns über China oder die Türkei, die ihre Bürger angeblich schützen wollen, indem sie unliebsame Meinungen auf diversen Onlineseiten zensieren oder diese ganz abschalten. Aber oft läuft dasselbe in unserem eigenen Denekn ab. Durch mein enges Bibelverständnis ist meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt und der Speiltaum des Denkes außerordentlich klein.
Besonders krass fällt mir das beim Thema Homosexualität auf. In Diskussionen zum Thema findet sich kaum Bwegeung. Ein enges Bibelverständnis verhindert hier jede Beweglichkeit, bereits im Denken. Es darf garnicht weitergedacht werden geschweige denn Bewegung in die eigene Überzeugung kommen.
Selbst wenn ich durch persönliche Betroffenheit oder eigene Erfahrungen weiterdenken möchte, anders denken möchte, wird jede denkerische Bewegung im Keim erstickt.
Aber genau diese Bewegungslosigkeit hat der Entwicklung der Kirche immer wieder geschadet und ihre Glaubwürdigkeit beschädigt.
Es war die denkerische Unbeweglichkeit der römischen Kurie, die einen Galileo zum Wiederruf zwang. Es war die denkerische Unbeweglichkeit, die manch selbstbewusste Frau auf den Scheiterhaufen brachte. Wir rühmen uns heute oft unsrer Offenheit und Toleranz, aber ich befürchte, dass wir unter der gleichen Bewegungslosigkeit leiden, nur mit anderen Themen.
Es bleibt die spannende Frage, wie ein Bibelverständnis aussieht, dass Gottes Wort ernst nimmt und doch Bewegung zulässt. Als Gemeinde versuchen wir seit längerem diesen Weg zu gehen und ein alternatives Bibelverständnis zu formulieren - nicht fundamenatlistisch und nicht liberal.
Mehr dazu in den kommenden Wochen.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Missbrauch von Gottes Wort


Missbrauchsfälle in der Kirche haben lange Zeit die Berichterstattung in den Medien bestimmt. Grundsätzlich ging es dabei immer um sexuellen Missbrauch. Und das ist wichtig, solche menschenverachtenden und antichristlichen Verhaltensweisen ans Licht zu bringen.
Aber es gibt auch anderen Missbrauch in christlichen Kreisen: der Missbrauch von Gottes Wort, durch den dann wieder einzelne Christen oder Kirchen missbraucht werden. Er liegt vor, wenn die Bibel so gebraucht und eben Missbraucht wird, dass die eigene Meinung als Gottes Wort deklariert wird und mit der vermeintlichen Klarheit von Gottes Wort, also der eigenen Meinung, jede Diskussion ausgelöscht wird. 
Es geht um die tragische Verwechslung von eigener theologischer Überzeugung und den Aussagen der Bibel. Theologische Überzeugungen sind gut und wichtig, aber sie resultieren aus meiner Interpretation der Bibel. Und sie sind meine subjektive Meinung. In allen geistlichen Gesprächen von Menschen begegnet uns immer nur Interpretation der Bibel und nie nur Bibel pur. 
Sehr gut formuliert diesen Missbrauch Heinzpeter Hempelmann in einem Aufsatz, aus dem ich kurz zitieren möchte
Bemerkenswert ist das schon psychologisch: Ich habe da ein Anliegen, aber es ist ja zunächst nur meines. Es wird aber ein allgemeines und wichtiges, indem ich beanspruche: Es ist nicht meine, es ist Gottes Sicht der Dinge, die ich da vertrete. Gott selber sagt. Sein Wort sagt. Höher kann man nicht zielen. Mehr Autorität kann ich nicht beanspruchen, und das obwohl ich doch nur ein kleiner Mensch mit womöglich wenig Autorität bin. Den mühsamen Prozeß der Findung von Unterstützung oder der Erzielung von Konsens durch Kompromiß kann ich so spielend umgehen. Wer wollte Gott widersprechen, seinem Wort gegenüber Widerstand leisten? ...
Das ist Mißbrauch der Bibel, Mißbrauch auch des Wortes Gottes. Das ein solcher Mißbrauch häufig passiert, macht die Sache nicht besser. Dieser Mißbrauch funktioniert nur, weil in der Sache die Notwendigkeit der Hermeneutik und Interpretation bestritten wird. „Die Bibel ist völlig eindeutig. Willst du bestreiten, daß Gott klar redet? Willst du dich um klare Befunde herumdrücken?" Nur die Negation der Notwendigkeit der Hermeneutik macht ein solchermaßen „assertorisches" und imperativisches Reden möglich. Die Argumentation, wenn man denn von einer solchen sprechen will, ist immer dieselbe:
die Bibel sagt/ Gott sagt/ Gottes Wort sagt/ Gottes Wille ist - und hier kommt dann zunächst ein Bibelwort und dann völlig unvermittelt die eigene Position. Gottes Wort ist das, was ich euch sage. Und umgekehrt: was ich euch sage, ist ganz offenbar Gottes Wort....
Vergleichbares gilt auch für den biblizistischen Argumentationsansatz, den wir zu Anfang präsentiert haben. Bei Licht besehen, wird da ja gar nicht die Bibel, das Wort Gottes präsentiert, sondern nur eine subjektive Auswahl der biblischen Belege, die die eigene Position unterstützen. Der Mißbrauch liegt in der Selektion bestimmter Stellen und in der Ausscheidung derer, die nicht passen. Im besten Fall liegt hier mangelnde Sorgfalt vor. Immer jedoch geht es um den geistlich-theologischen oder besser: ungeistlichen und ganz und gar untheologischen Willen zur Macht.

Eine wichtige Hilfe, um Gottes Wort eben nicht zu missbrauchen ist nach Hempelmann die Demut. Er schreibt:
  • Demut: genaues Unterscheiden zwischen dem, was ich vertrete, und dem, was womöglich der Wille Gottes/ das Evangelische etc. ist. Es zeichnet den Sektierer aus, daß er diese Unterscheidung übergeht. Genau dieser Verzicht auf die Unterscheidung zwischen mir und dem Wort Gottes bedeutet denn auch den Mißbrauch des Wortes Gottes, und mag ich es auch noch so häufig im Munde führen. Ich treibe Theologie im Wissen darum, daß ich Gottes Standpunkt, seine Sicht der Dinge nie und nimmer erreiche. Das bedeutet übrigens auch den Verzicht auf Bibelhermeneutken, die genau das unterstellen: daß es möglich sei, Gottes Wort 1:1 in die Gegenwart hinein zu sagen. 
Es bleibt zu wünschen, dass in geistlichen Auseinandersetzungen mit mehr Demut und Bescheidenheit diskutiert wird.

Sonntag, 13. April 2014

Warum sich ein Atheist am Verteilen von Bibel beteiligt

Der Englische Theologe Steve Chalke hat in einem interessanten Video davon gesprochen, dass der englische Chefatheist Richard Dawkins einer Organisation Geld gespendet hat, um Bibel an alle Schüler zu verteilen.

Er ist der Meinung, dass man für den Atheismus nichts Besseres tun kann, als möglichst viele Kinder in der Bibel lesen zu lassen. Denn deren Geschichten seien oft so grausam, dass einem jeglicher Glauben an Gott gründlich vergeht.

Steve Chalke greift diesen Vorfall auf und lädt zu einer neuen Sicht des Bibelverständnisses auf.


Hier der Videolink: http://vimeo.com/86521708