Dienstag, 28. Juli 2020

Der (gekränkte) geliebte Gott

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem, was ich das Prinzip von SEI-Q nenne. SEI-Q ist das Zusammenspiel von drei ganz entscheidenden Komponenten.
Ausführlich behandle ich dieses Thema in meinem podcast unter den Folgen 20-22.
Dahinter steckt der Gedanke, dass jeder Mensch über intellektuelle Fähigkeiten (IQ), emotionale Fähigkeiten (EQ) und spirituelle Fähigkeiten (SQ) verfügt. Gelingendes und ganzheitliches Leben ist die ideale Kombination aller drei Quotienten. Auf das Gleichgewicht dieser drei Quotienten ist das Leben angelegt.
Biblisch gesprochen meinen diese drei Quotienten unseren Verstand, unsere Seele und unser Herz (Geist).
Als Jesus die Frage gestellt wird, was die entscheidenden Elemente unserer Gottesbeziehung sind, welcher Auftrag und welches Gebot für die Menschen am Wichtigsten sind, antwortet er folgendermaßen:
Mt.22,37 Er aber sprach zu ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." (ELB)
Wir sollen Gott also mit unseren ganzen intellektuellen, emotionalen und spirituellen Fähigkeiten lieben. Und nun kommt ein Gedankensprung: wenn Gott geliebt werden möchte mit unseren intellektuellen, emotionalen und spirituellen Fähigkeiten, dann heißt das ja logischerweise, dass Gott sich tatsächlich geliebt fühlt durch unsere intellektuellen, emotionalen und spirituellen Bemühungen.
Und nun noch ein Gedankensprung: Gott als transzendentes und unsichtbares Wesen lässt sich von irdischen Menschen in Zeit und Raum nur schwerlich konkret lieben. Darum hat Gott die Fähigkeit entwickelt, sich auch indirekt geliebt zu fühlen.
In Matthäus 25 kann Jesus formulieren, dass jede liebevolle Tat an einem Not leidenden Menschen (arm, gefangen, hungrig, nackt, krank) von Gott persönlich genommen wird. (Mt.25,40: Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner gering geachteten Geschwister getan habt, das habt ihr für mich getan.).
Daraus folgt, dass Gott sich geliebt fühlt, wo immer Menschen ihre intellektuellen, emotionalen oder spirituellen Fähigkeiten für das Gute, das Edle, das Liebevolle, das Kreative, das Ästhetische, das Barmherzige, das Gütige, dass Friedfertige usw. einsetzen.
Wo immer Menschen ihren Verstand gebrauchen um etwas Schönes, etwas Kreatives, etwas Lösungsorientiertes, etwas Heilsames zu denken, zu schreiben, zu komponieren, zu erfinden oder zu entwickeln, entsteht nicht nur etwas Gutes, sondern Gott fühlt sich geliebt.
Wo immer Menschen ihre Emotionen gebrauchen um mitzuleiden, mitzufühlen, zu trösten, zu ermutigen, sich zuzuwenden, Geborgenheit zu schenken, Verständnis zu zeigen, Frieden zu stiften, sich selbst zu beruhigen, zu genießen usw., fühlt Gott sich geliebt!
Und wo immer Menschen ihres Spiritualität gebrauchen, um Inspiration zu erleben, nach Sinn zu suchen, Bedeutung zu erlangen, in die Tiefe zu gehen, Gottes Stimme hören zu wollen, Gebete sprechen, sich vom Himmel berühren lassen, Geistesgaben praktizieren, Ehrfurcht entwickeln, Achtung vor dem Leben gewinnen, einen anbetenden Lebensstil entfalten usw., fühlt Gott sich geliebt.

Wenn also der positive Gebrauch meines SEI-Q dazu führt, dass Gott sich geliebt fühlt, dann wird auf einen Schlag das ganze Leben geistlich! Dann spielt es keine Rolle, ob ich mein Kind nach dem Kindergarten tröste, in der Firma an einem wertvollen Projekt mitdenke, bei einem Glas Rotwein Dankbarkeit für das Leben und die Schöpfung empfinde, der einsamen Freundin anrufe, ein Bild male oder meinen Zorn überwinde und mich versöhne. All das ist der positive Gebrauch meiner intellektuellen, emotionalen und spirituellen Fähigkeiten - und genau dadurch fühlt Gott sich geliebt.

Als Christen haben wir oft den Eindruck, dass aufgrund der Sündhaftigkeit der Menschen Gott täglich millionenfach gekränkt wird. Die dauernde Übertretung seiner Gebote und der ständige Ungehorsam der Menschen könnte als dauernde Kränkung Gottes verstanden werden. Und ganz bestimmt kränkt Gott das auch.
Aber wenn sich Gott geliebt fühlt, wo immer Menschen ihre SEI-Q Fähigkeiten gebrauchen, dann fühlt sich Gott auch täglich millionenfach geliebt! Und so wundert es nicht, dass dieser Gott unsere Welt noch nicht aufgegeben hat, sich nicht angewidert abwendet, sondern nicht aufhört, sich zuzuwenden, sein Königreich zu bauen, Geduld mit den Menschen zu haben und an ihr Potenzial, an ihren Verstand, ihre Seele und ihr Herz zu glauben.

Der Gedanke, dass sich Gott täglich millionenfach geliebt fühlt ändert mein gesamtes Gottesbild, Menschenbild und Weltbild. Rs ist eine kleine Revolution!

Wer diesen Gedanken noch einmal ausführlich nach hören möchte, den verweise ich auf meine letzten beiden Predigten, die man hier und hier findet.




Donnerstag, 30. April 2020

Der fröhliche Messias


Der Hebräerbrief beschreibt, dass Jesus das vollkommene Abbild von Gottes Charakter ist, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens (Hebr.1,3). Und es ist die Lebensfreude, die das Wesen Jesu in besonderer Weise ausmacht. Wie komme ich darauf? Im Vergleich zu Johannes dem Täufer!

Der Täufer gilt als die bedeutendste Person im Alten Testament, aus einem alten Priestergeschlecht. Er ist der wiedergekommene Elia (Mt.11,14). Ganz im Geiste dieses alttestamentlichen Propheten ist er auf Krawall gebürstet, lebt zurückgezogen in der Wüste, hält sich von Frauen, Feiern, Alkohol, und Sündern fern, legt sich mit dem König an und predigt radikale Umkehr zu Gott: vom frommen Schriftgelehrten bis zum korrupten Soldaten. Er trägt einfachste Kleidung und ernährt sich ganz asketisch von Heuschrecken und Honig. Viele vermuten in ihm den Messias (Lk.3,15). Seine Jünger hält er zu strengem Fasten und Beten an, ganz wie es die Pharisäer getan haben (Lk.5,33).
Als Johannes Jesus trifft, ist er sofort überwältigt: Hier begegnet ihm der Sohn Gottes, das Lamm, das die Sünden der Welt trägt, der lang ersehnte Messias (Joh.1,29ff). Als er Jesus tauft, sieht er, wie der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabkommt.

Und nun beginnt Jesus seine öffentliche Tätigkeit: sein erstes Wunder, bei dem er seine Herrlichkeit offenbarte, war die Verwandlung von Wasser in ca. 600 l besten Wein während einer feucht-fröhlichen Dorfhochzeit. Der Gottessohn verschafft den angetrunkenen Gästen Nachschub!! (Joh.2)
Jesus predigt keine radikale Buße wie Johannes, sondern lässt sich von Sündern und Zöllnern zu üppigen Festmahlen einladen, lässt sich von Prostituierten die Füße salben und hat Frauen als Jüngerinnen. Die Speisegebote und die Einhaltung des Sabbats entschärft er. Während andere beim Fasten ungekämmt und ungewaschen umherlaufen, empfiehlt Jesus seinen Jüngern: „wascht euer Gesicht und salbt euer Haar“ (Mt.6,17).

Johannes erlebt all das aus der Ferne mit und zweifelt: "Bist du wirklich der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" (Mt.11,3). Vorbei ist seine anfängliche Gewissheit, in Jesus den Retter Israels gefunden zu haben. Jesu Verhalten passt so gar nicht zu seiner Vorstellung eines Retters für Israel. Dieser Messias ist ihm viel zu fröhlich, viel zu lebensfroh, viel zu sehr bei den Menschen, den Feiern, den Sündern, dem Singen und Tanzen. Er fastet zu wenig und trinkt zu viel! Er nimmt zu viel Gel und trägt zu gute Kleidung. 

Der Gegensatz zwischen Jesus und Johannes könnte nicht grösser sein. Jesus selbst beschreibt: „Als Johannes der Täufer kam, der fastete und keinen Wein trank, sagten sie: 'Er ist von einem Dämon besessen.' Als der Menschensohn kam, der ganz normal isst und trinkt, sagtet ihr: 'Seht, was für ein Schlemmer und Säufer, dieser Freund von Zöllnern und Sündern!'“ (Mt.11,18f). Ich habe mich immer gefragt, wie radikal asketisch man sein muss, um beim Volk als besessen zu gelten und wie radikal ausgelassen und lebensfroh man sein muss, um zu den Schlemmen und Säufer gezählt zu werden? Jesus ist zweites auf alle Fälle gelungen.

Als Pastor bin ich zu vielen Menschen begegnet, die ein Jesusbild in ihrem Herzen tragen, dass dem des Johannes entspricht. Dieses Denken, dass Frömmigkeit und Fröhlichkeit, Heiligkeit und Ausgelassenheit, Buße und genüssliche Freude, Hingabe und Leichtigkeit nicht zusammenpassen, prägt immer noch so manchen Teil der Christenheit.

Dieser Jesus, den Gott in die Welt sendet, steht im echten Gegensatz zu Johannes. Er verkörpert die Lebensfreude, die Zuwendungskraft, die Fähigkeit zum Genuss, die ausgelassene Freude - gepaart mit überschwänglicher Liebe zu seinem Gott und dessen Wort!
Der Kleinste in diesem angebrochenen Königreich der Freude ist größer als Johannes der Täufer es je sein konnte! (Mt.11,11)

Diesen Artikel habe ich für die Zeitschrift "Insist" geschrieben, erschienen in Ausgabe April 2020 #02