Mittwoch, 23. Oktober 2013

Das Problem der "Schöpfungsordnung"

Immer wieder hört man, wie Christen verschiedene theologische Positionen mit der so genannten Schöpfungsordnung begründen. Dabei wird so vorgegangen, dass aus der ursprünglichen Schöpfung Gottes - vor dem Sündenfall - Prinzipien abgeleitet werden, die darstellen sollen, was dem eigentlichen Willen Gottes entspricht.
Der Gedanke ist an sich nicht schlecht. Ich denke tatsächlich, dass man anhand der Art und Weise, wie Gott diese Welt erschafft und ordnet den Kern seines Willens und seiner Absichten erkennen kann.

Besonders häufig begegnet mir die Argumentation mit der Schöpfungsordnung in der Beurteilung von Homosexualität. Man entdeckt in der Schöpfung eine klare Zuordnung von Mann und Frau, die deutlich macht, dass Homosexualität keinesfalls dem (Schöpfungs-)Willen Gottes entspricht.
Unabhängig davon, wie Christen Homosexualität beurteilen, greift für mich der Rückbezug auf die Schöpfungsordnung zu kurz. Was mich besonders stört ist die Inkonsequenz, mit der das Argument der Schöpfungsordnung angewendet wird.
Es ist nicht akzeptabel, dass man die Schöpfungsordnung bezüglich der Heterosexualitätg aus dem Schöpfungsbericht herausgreift, aber alle anderen darin enthaltenen Schöpfungsordnungen stillschweigend übersieht.
Aus der Schöpfung lässt sich eben auch die Ordnung herauslesen, dass nicht nur Mann und Frau einander zugeordnet sind, sondern auch dass menschliches Alleinsein nicht der Schöpfungsordnung entspricht. Vielmehr ist die Verbindung zweier (heterosexueller) Menschen geboten. Genau aus dem Grunde verstand das Judentum die Heirat auch als Pflichtgebot.
Gen.2,18 Gott, der Herr, dachte sich: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein lebt. Er soll eine Gefährtin bekommen, die zu ihm passt!" 
24 Darum verlässt ein Mann seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.
Wer also mit der Schöpfungsordnung argumentiert und damit Homosexualität ablehnt, muss mit gleicher Konsequenz Ehelosigkeit ablehnen. Das selbst gewählte Dasein als Single, der Unwille zur Bindung, die konsequente Selbstverwirklichung und der damit verbundene Verzicht auf die Ehe ist dann mindestens genauso unbiblisch.
Ich entdecke in unseren Gemeinden aber niemanden, der Singles auf die Pelle rückt und sie aufgrund der Schöpfungsordnung zum Heiraten drängt.

Eine andere deutlich ausgesprochene Schöpfungsordnung ist die Fruchtbarkeit. Als Imperativ formuliert Gott:
Gen.1,27: So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau.
28 Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz!
Wer also mit der Schöpfungsordnung argumentiert, muss sich konsequenterweise dagegen aussprechen, dass sich Ehepaare bewusst für die Kinderlosigkeit entscheiden oder Verhütungsmittel gebrauchen. Genau das ist ja übrigens auch eines der Argumente der katholischen Kirche gegen Verhütung. Und wer für sich resümiert, dass in unserer heutigen Zeit der Überbevölkerung die Anordnung zur Fruchtbarkeit an Bedeutung verloren hat und daher in unserer modernen Kultur unrelevant ist, der argumentiert eben wieder zeitbedingt und gerade nicht aus der Schöpfungsordnung heraus, was im Bereich der Homosexualität aber als Argumentationsweg gerade abgelehnt wird.

Eine weitere deutlich ausgesprochene Schöpfungsordnung ist die vegetarische Ernährung. So wie es eine klare Zuordnung von Mann und Frau in der Schöpfung gibt, gibt es auch eine genauso klare Zuordnung von Mensch und pflanzlicher Nahrung:
Gen.1,29: Weiter sagte Gott zu den Menschen: »Als Nahrung gebe ich euch die Samen der Pflanzen und die Früchte, die an den Bäumen wachsen, überall auf der ganzen Erde.
30 Den Landtieren aber und den Vögeln und allem, was auf dem Boden kriecht, allen Geschöpfen, die den Lebenshauch in sich tragen, weise ich Gräser und Blätter zur Nahrung zu.«
Auch hier gilt: wer mit der Schöpfungsordnung argumentiert und darin den klaren Willen Gottes erkennt, der  ist durch diese Schöpfungsordnung aufgefordert, sich nur noch von pflanzlicher Kost zu ernähren.

Mir geht es nicht darum, Homosexualität zu rechtfertigen, sondern vielmehr darum zu einer fairen Argumentation zu finden. Man kann nicht bestimmte Ordnungen der Schöpfung herausgreifen um eine bestimmte theologische Position zu begründen, aber ganz willkürlich andere Ordnung dieser Schöpfung nicht beachten.

Aus diesem Grund ist die Argumentation mit der Schöpfungsordnung problematisch, weil sie mir immer sehr inkonsequent daher kommt.










Kommentare:

  1. Hallo zusammen
    Ja zu dem Thema wird oft sehr sagen wir kursiv argumentiert.
    (kursiv bedeutet für mich hervorgehoben was dem Autor gerade passt)
    Bin gespannt mehr von dir zum Thema zu erfahren
    Gruss&Segen

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  2. Hallo,
    ich kann die Argumentation von Martin nicht verstehen. Die Akzeptanz des Unverheiratetseins gründet sich ja auf einem ausdrücklichen Wort Jesu, Mt. 19:12, gleich nachdem er die Schöpfungsordnung im Blick auf die lebenslange Dauer der Ehebindung zwischen Mann und Frau bekräftigt hat; und das Essen von Tieren ist begründet mit der Neuordnung der Schöpfung in 1. Mose 9, wo als Neuerung nach der Flut nun eben der Vegetarismus als Pflicht abgeschafft ist. Die Schöpfungsordnung gilt also offenbar da, wo sie nicht überholt ist. Für eine solche Überholung gibt es aber in der Bibel keine Hinweise. Mich wundert, dass Martin das nicht sieht.

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  3. Der zweitletzte Satz sollte heissen: "Für eine solche Überholung gibt es aber in Bezug auf die Frage homosexueller Beziehungen in der Bibel keine Hinweise".

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  4. Hallo Thomas, dein Kommentar macht ja gerade meinen Punkt deutlich. Wir haben klare Neuordnungen (Notordnungen), die von der Schöpfungsordnung abweichen. Genau deshalb ist es so problematisch mit der Schöpfungsordnung zu argumentieren. Wir haben allerdings keine Aufhebung der Anordnung fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Insofern wäre bewusste Kinderlosigkeit noch immer ein verstoss gegen die Schöpfungsordnung.
    Der entscheidende Punkt ist, das die einen unbedingt eine Notordnung oder Neuordnung einer Schöpfungsordnung in der Bibel explizit vorfinden müssen. Sonst sind sie zu keinen neuen Denkweisen bereit. Wenn also Jesus keine neue Ordnung einführt oder sonst ein Bibelvers, dann darf an solchen Ordnungen auch nicht gerüttelt werden. Ich sage aber, dass wir die Verantwortung bekommen haben, in einer sich entwickelnden Welt und Menschheit mit Hilfe des Heiligen Geistes neue Ordnungen zu entwickeln.
    Die Apostel haben es in Apg. 15 vorgemacht und für die Heidenchristen eine ganz neue Ordnung eingeführt. Heidenchristen sind nicht länger an die 613 Gebote der Torah gebunden, nicht einmal an die so entscheidende Beschneidung. Wohl gemerkt: wir und der heilige Geist haben beschlossen. Dieses Entscheiden mit dem Heiliogen Geist ist anspruchsvoll und legt eine grosse Verantwortung auf. Aber ich denke das Apostelkonzil hat uns hier einen Weg aufgezeigt, in einer sich verändernden Welt geistliche und göttliche Ordnungen oder Notordnungen zu formulieren. Zum Glück haben Christen immer wieder den Mut dazu gehabt, auch ohne expliziten Bibelvers neue Ordnungen zu formulieren, sonst hätten sich Christen nicht gegen Sklaverei stark gemacht, die Frau wäre noch immer Besitz des Mannes und ohne Sprachrecht in der Gemeinde, Kinder würden noch von den Eltern verheiratet werden, jegliche Form der Verhütung wäre verboten und vieles mehr. Und was ist denn mit Themen, zu denen die Bibel gar nichts sagt, weil sie zu deren Zeiten noch nicht existierten oder relevant waren? Gentechnik, Atomkraft, Sterbehilfe, Abtreibung, Transplantationsmedizin, Kommunismus, Obsoleszenz, Aktiengesellschaften, Internet, Transsexualität? Gerade hier müssen mutige und verantwortungsvolle Christen den Geist der Bibel und den Geist Jesu erkennen und Neuordnungen formulieten oder weiterentwickeln.

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